Bücherherbst

Herbst ’18: ein neues Buch von Thilo Sarrazin über, rsp. gegen den Islam, wenig neues, aber viel Aufregung. Immerhin: einhellige Verrisse des Feuilletons. Muss man Pamphlete, einseitige Bücher, Vielbesprochenes und -gelesenes selber lesen? Nicht, wenn im gleichen Jahr Gescheiteres zu haben ist, Umfangreicheres, Spannenderes.
Der Titel von Christopher de Bellaigue: «Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft» liess mich erst allerdings etwas anderes erwarten. Eine Art ‘Klassiker’ zu philosophischen Debatten aus der islamischen Blütezeit, als Europa rückständig, ‘unaufgeklärt’ war, und der Kulturimport vom aus dem Orient kam (zu dieser Ära scheint mir der Autor denn auch am ehesten einem alten Geschichtsklischee aufgesessen zu sein – der überschätzten Bedeutung von Tours und Poitiers (S. 31))… Vielmehr startet der Band allerdings dort, wo viele Geschichtsbetrachtungen zum Islam ausblenden oder abbrechen: Gewählt wird das Jahr 1798, da Napoleon ‘beiläufig eine der Kronjuwelen des Osmanischen Reiches annektiert’ habe, Ägypten (S. 41). Mit Kairo, Istanbul und Teheran werden drei exemplarische Schauplätze gewählt, die zeigen, wie die Moderne, die Aufklärung (die «westliche» diesmal), den Nahen und Mittleres Osten nicht in Ruhe liessen; wie eigene Reformen angestossen wurden, die islamische Welt, ihre Menschen in Bewegung gebracht… 
Wir begegnen dabei nicht nur pulsierenden oder verschlafenen Metropolen, je nachdem, sondern Figuren, die lebendig gezeichnet werden. Politiker, Denker, Reformerinnen, die erleben, durchleben, durchdenken, wie sich die Moderne und der Islam befruchten oder begegnen bis bekämpfen (Muhamad Ali, Hassan al-Attar, Rifaa al-Tahtawi, Namik Kemal, Amir Kabir (das marmorne Badehaus seiner Hinrichtung wird noch heute von traurigen Iranern besucht), Jamal al-Din «Afghani», Halide Edib, Muhammad Abduh – aber eben auch die «Reaktionäre» Hassan al-Banna, Sayyd Qutb).
Und es ist ein Lehrstück, die Geschichte mal aus anderer Warte wahrzunehmen. Dabei macht der journalistische Stil die Lektüre durchaus unterhaltsam. Auch wenn etwa die berüchtigte Aufteilung des «Sykes-Picot-Abkommens» (die zertrümmert zu haben sich das Kalifat des IS gebrüstet hatte) relativiert wird, so zeigt doch die Aufteilung des Nahen Ostens anhand einer Karte, die Sykes mit einer Linie vom ‘e’ auf der Karte (Acre / Akkon) zum ‘k’ am Schluss von Kirikuk zog (S. 408), wie sorglos der Westen mit einer Region umging, die ihm heute um so grössere Sorgen bereitet.
Auch wenn der Autor den Islam als «anspruchsvolleste und umfassendste aller Religionen» (S. 416) tituliert, scheut er sich nicht, den Finger auf wunde Punkte zu legen. Wer in der Geschichte zurück blickt, wird die Gegenwart differenzierter wahrnehmen. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft müsste keiner sein – und geht weiter. Auch das verbindet ja die Religionen der Welt, wäre ich versucht zu sagen…

Thomas Markus Meier

Christopher de Bellaigue: Die Islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2018 (englisches Original 2017), 542 Seiten

Ein A – Z des Umlernens

Das von Christopher de Bellaige besprochene Buch beginnt mit einem Epochenwechsel: Napoleons Invasion in Ägypten. Mit diesem Einschnitt endet ein kleines Buch, hervorgegangen aus einem Vortrag, und dann herangewachsen zu einer, bisweilen erfrischend polemischen, Streitschrift. Das vierte Kapitel, fast staubtrockene Lexikographie, wäre wenig erwähnenswert, wenn nicht eben diese Disziplin, vor allem das alphabetisch angeordnete Lexikon, eine Erfindung der «islamischen Spätantike» wäre. Damit ist das Stichwort Epochengrenzen, Epocheneinteilung gegeben. Der Autor legt nicht nur stichhaltig dar, wie geschichtslos die Rede eines «islamischen Mittelalters» ist, sondern schlägt veränderte Epochenbezeichnungen vor – und entlarvt die Rede vom «islamischen Mittelalter» als ideologisch-kolonialistisch. Und er nimmt einen geographischen Raum in den Blick, der die persische Geschichte nicht mehr ignoriert: «Die romano-graeco-iranische Antike geht um 250 n.Chr. in eine Spätantike über, die um 1050 grossräumig in eine neue Epoche eintritt, welche wiederum bis etwa 1750 andauert [der Autor schlägt dann den Namen ‘Frühneuzeit’ vor]…» (S. 157). 
Lesenswert vor allem Kapitel 2, das Orient und Okzident vergleicht, vom «Alphabetismus» durchs Alphabet bis zu «Ziffern und Zahlen». Ein vergnügliches Lexikon! Umlernen lässt einem aber vor allem das Einstiegskapitel, das sechs Gründe bespricht, warum es eben gar kein islamisches Mittelalter gab. Wer sich endlich durch alle Kapitel liest, wird sich schliesslich aber auch vom «christlichen Mittelalter» verabschieden… 

Thomas Markus Meier

Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient.
C.H. Beck 2018, 175 Seiten

Macht Lust auf mehr

Die Buchbesprechung ‘Warum es kein islamisches Mittelalter gab’ wies darauf hin, dass unser Epochendenken eurozentrisch ist, mit einer oft eigenen, verborgenen, nicht mehr bewussten Agenda. Thomas Bauer schlug deshalb vor, die Grenze der Spätantike zu verschieben, etwa aufs Jahr 1050. Wichtige Beobachtungen zu Bedeutung der Spätantike für die abrahamitischen Religionen, und vor allem für die Entstehung des Korans, steuert auch immer wieder Angelika Neuwirth bei. So weist sie auf ein ähnliches Phänomen hin: Die Marginalisierung jüdisch-christlicher Traditionen der Exegese in der islamischen Theologie – und das eben als Reaktion auf Kolonialideologien. Neuwirth zeigt das im Kapitel «Die Heiligkeitsachse Mekka-Jerusalem» (S.181) in einer Vorlesungsreihe zur Entwicklung koranischer Botschaften. Wer nicht die umfangreichen und kostspieligen Koran-Kommentare (die ausserdem nur sehr langsam erscheinen) kaufen / lesen will, bekommt hier auf engstem Raum exemplarische Koranexegese als Spiegel spätantiker Debattenkultur. Wie Argumente kommen und leiser werden, neu oder anders akzentuiert. Sie wertet dabei den Stand der Forschung nicht nur aus westlicher Islamwissenschaft, sondern auch der muslimische Islamgelehrten. Mitunter fördert sie bislang Übersehenes zu Tage und zeigt die grossen Bögen auf. So wird das Buch zu einem kleinen Kompendium auf dem Weg zu mehr Geschwisterlichkeit unter den abrahamitischen Religionen – «ein Anspruch, der immer noch auf seine Erfüllung wartet.» (S.256) Mit Entzauberung im Titel ist denn auch nicht eine Demontage einer Religion und ihrer Botschaft gemeint, sondern, im Gegenteil: Eine sorgsame und kluge Einordnung in eine Geschichte, die nicht neben- oder nacheinander herlief, sondern in gegenseitiger Beeinflussung; manchmal als Abgrenzung, manchmal als Weiterschreibung, oft mit neuen Akzenten…
Thomas Markus Meier

Angelika Neuwirth: Die Koranische Verzauberung der Welt und ihre Entzauberung in der Geschichte. Herder, Freiburg i. B. 2017, 264 Seiten

Ikonografie des Heiligen Krieges


Claudio Lange: Der nackte Feind. Anti-Islam in der romanischen Kunst. Parthas Verlag 2004 Lübeck

In Stein gemeisselte Muezzine rufen lautlos von Fassaden romanischer Kathedralen; Pisas Campanile zitiert das islamische Minarett und kommt allein der eingehängten Glocken wegen in Schieflage… Wir sehen nur, was wir auch wissen – diese Erfahrung macht oft, wer eine gute Museumsführung oder Kunstreise erfährt. Oder sich Claudio Langes Bildband „Der nackte Feind³ gönnt. Bislang schwer deutbare romanische Skulpturen erzählen plötzlich eine verdrängte Geschichte – und der lautlose Muezzin verrät sein tragisches Geheimnis. Beispiel: Im Kreuzgang des Grossmünsters in Zürich sehen wir, nicht etwa versteckt, sondern auf Augenhöhe, eine nackte Person – sowohl in Gebetshaltung, als auch sich gleichzeitig selbstbefriedigend! Die Wirbelsäule zeichnet sich durchs Fleisch ab, so dass der stachlige Rücken die Figur als von oben bis unten dem Stachel der Sünde erliegend denuziert. Weitere pikante Darstellungen wären zu beschreiben – der Bildband zeigt sie, eine Auswahl der Fotoaustellung „Islam in Kathedralen – Bilder des Antichristen in der romanischen Skulptur³ (Berlin Juni 03 – März 04). Und, weil wir nur sehen, was wir wissen, ebenso wichtig die deutenden Texte des freischaffenden Künstlers und Religionswissenschaftlers Claudio Lange, ergänzt um Artikel (Almut Sh. Bruckstein, Gil Anidjar, Claudio Lange), die Kirchen- und Kunstgeschichte, christliche und politische Theologie neu befragen. Zu hoffen, dass diese Sehschule nicht nur die Augen öffnet für verdrängte Polemik, sondern auch hinschauen lernt auf aktuelle Problematik. Zu wünschen: ein Europa, das sich von lebendigen muslimischen Gemeinschaften bereichern lässt, statt sein jüdisch-arabisches Erbe zu verleugnen.

Thomas Markus Meier

Dickes Buch, Gedankenwälzer

Andreas Bsteh (Hrsg.) Der Islam als Anfrage an christliche Theologie und Philosophie St. Gabriel, Mödling 1994, DM 42.80

Der über 500 Seiten starke Band eröffnet die Reihe ³Studien zur Religionstheologie², die christliche Theologie in der Fragestellung der anderen Religionen entwickeln will. Mit dem Nachfolgeband ³Christlicher Glaube in der Begegnung mit dem Islam² wird der Begegnung mit dem Islam ein zweiteiliges Werk gewidmet. Die Anlage der Reihe ist speziell: Neben den zehn Referaten hochrangiger Autoritäten der Islamwissenschaft und der christlich-islamischen Begegnung wird der intensive Gedankenaustausch in Arbeitskreisen und in den Plenumsdiskussionen der Religionstheologischen Akademien der Hochschule St. Gabriel veröffentlicht. Dadurch können die Leser an der Entwicklung von Gedanken teilnehmen , vertiefen sich in neu aufgetauchte Fragestellungen und erweitern ihr Verständnis. Fragen bleiben zum Weiterdenken offen; sie werden zu Impulsen für weitere wissenschaftliche oder auch spirituelle Auseinandersetzungen. Die ³Gesprächsprotokolle² sind sorgfältig redigiert und lesen sich flüssig und spannend. Herauszuheben sind insbesondere die Gesprächsbeiträge von Annemarie Schimmel, die von der Mystik her tief religiöse Gehalte zum Aufleuchten bringt – aber auch die Ausführungen von Adel Th.Khoury, der aus seinen profunden Kenntnissen, auch zur aktuellen Lage, schöpfen kann. Interessant auch, wie Rotraud Wielandt die europäische Fragetrias von Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung in einen Dialog bringt mit der Weltverantwortung des Menschen aus islamischer Sicht. Das Buch bringt für alle am Islam Interessierten eine Fülle von Informationen und Anregungen; die Probleme werden beim Namen genannt und differenziert ausgeleuchtet, ohne vorschnell zu harmonisieren. Ein ausführliches Namen- und Quellenregister erhöht die Brauchbarkeit des Bandes, ebenso das ansprechende Druckbild mit Randverweisen. Vielleicht wäre ein symmetrischer Satz, wo die Marginalien jeweils auf den Aussensteg zu liegen kämen, noch praktischer. (Corrigenda: Für die Sorgfalt spricht auch ein einziger Druckfehler S. 411, wo es Paradiesesvorstellungen heissen muss.)

Thomas Markus Meier

Bireligiöse Ehen

Christlich-muslimische Ehen und Familien Hrsg. von Thomas Dreessen, Irene Franke-Atli, Heinz Klautke u.a. (Interkulturelle Beiträge Nr. 18), Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main, 1998 DM 14.80 / OES 108.- / SFR 14.- ³

Für jede Mauer, die der Prophet gesetzt hat, gibt es eine Tür. Und die Tür ist die Liebe.² (S.25). Dieser Satz aus einem der eröffnenden Gesprächsprotokolle des 96 seitigen Ratgebers könnte gut als Motto für diese praktische Handreichung gelten. Sie bietet zuerst mit fünf Erfahrungsberichten eine persönlich gefärbte Tour d¹Horizon zu Chancen und Problemen einer bi-kulturellen (und bi-religiösen) Partnerschaft. Im Hauptteil dann wird knapp und präzise informiert: über Rechtsfragen, Konfliktfelder, Beratungsmöglichkeiten (diese leider stark ausgerichtet auf die Evangelische Kirche Deutschlands) und weiterführende Literatur. Mitabgedruckt ist ebenfalls das Muster eines islamischen Ehevertrags. Empfohlen sei diese praktische Broschüre vor allem jenen, die selber eine religionsverschiedene Ehe eingehen wollen; gemäss dem orientalischen Wahlspruch: ³Vertau¹ auf Gott – und binde dein Kamel fest!² (S.72)…

Thomas Markus Meier

ChristInnen in Palästina


Ulrike Bechmann, Mitri Raheb (Hrsg.) Verwurzelt im Heiligen Land Einführung in das palästinensische Christentum Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1995, DM 20.- Der Weltgebetstag 1994, verfasst von palästinensischen Christinnen, wurde sehr kontrovers beurteilt; machte aber vorallem ein Defizit deutlich: Palästinensisches Christentum nämlich ist vormals oft als ein durch Missionare importiertes verstanden worden, jetzt aber tritt die altehrwürdige Tradition der ChristInnen aus dem Lande Jesu neu ins Bewusstsein. Eine wertvolle Einführung in dies weithin unbekannte Christentum liegt nun mit dem 240 Seiten starken Paperback vor. Historische Hinführungen, theologische Grundsatzüberlegungen sowie konkrete Themen und Beispiele um die Frauenfrage oder das Bildungs- und Sozialwesen in Palästina ergeben einen guten Einblick in das palästinensische Christentum. Hierbei ist den arabischen ChristInnen wirklich zu wünschen, dass ihre ³entscheidende Rolle beim Aufbau eines trilinearen Dialogs² (120) dem Friedensprozess diene und auch uns fruchtbare Impulse vermittle. Bewusst unausgesprochen bleibt zum Teil die politische Brisanz,sie wird höchstens leise angetönt oder wirkt wie um den heissen Brei geredet. Andererseits erscheint mir dennoch manches ideologisch gefärbt. So ist es beispielsweise kaum klärend, den Apostel Jakobus etwa als ersten palästinensischen Bischof zu bezeichenen (139). Empfehlen darf ich dieses ökumenische Handbuch als Reisevorberietung oder auch als Nachdenkimpuls (für letzteres vor allem das Kapitel von Ottmar Fuchs!).

Thomas Markus Meier

Sultan Mehmet II. Eroberer Konstantinopels – Patron der Künste von Neslihan


Asutay-Effenberger, Ulrich Rehm CHF 49.50

Manche hierzulande stören sich an Moscheennamen wie FATIH-Moschee, und sehen hinter dem Fatih, dem Eroberer, eine Art weiterer Eroberungs-Anspruch. Von einer byzantinistischen Tagung blieb der etwas überteuerte Band zu Mehmet II. Spannend, wie unterschiedlich der Eroberer von Konstantinopel in der byzantisnischen Geschichtsschreibung höchst unterschiedlcih wegkam; wie vor der Eroberung bereits Moscheen in der Stadt am goldenen Horn existierten, und nach der Eroberung Kirchen nicht gänzlich verschwanden. Mehmet II wird gezeigt auch als Patron der Künste, und die Osmanische Renaissance verglichen mit der gleichzeitigen italienischen Renaissance. Wie die Ausrichtung der Türkei auf Europa kein neues Phänomen ist, sondern immer schon dem osmanisch-türkischen Selbstverständnis entsprach, gibt für heutige Debatten etwas mehr Tiefenschärfe. Nicht alle Artikel sind gleich bedeutungsschwer, lesenswert und gut bebildert allemal die Architekturgeschichte von der Hagia Sophia zu den grossen osmanischen Kuppelmoscheen.

Thomas Markus Meier

Streite mit Ihnen auf die beste Art – Praktische Anleitung zum christlich-muslimischen Dialog

Werner Schatz Zell am Main / Würzburg 2010 Unser treues und bekanntes Mitglied der Gemeinschaft von Christen und Muslimen in der Schweiz, der ehemalige Islam-Beauftragte der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, Pfarrer Dr. theol. Werner Schatz, legt ein Buch vor, das in die Hände aller am interreligiösen Dialog interessierten Christen und Muslime zu wünschen ist. Bei andern mag das Buch das Interesse sogar erst zu wecken: Das Interesse nicht nur an der andern, sondern auch an der eigenen Religion. Denn der Untertitel „Praktische Anleitung“ meint weniger ein Rezeptbuch, wie kommen wir ins Gespräch – sondern vielmehr ein Leitfaden, der wirklich praktisch ist: kompakt, differenziert, handlich. Worüber liesse sich trefflich und gut streiten? Auf gut 330 Seiten bietet der Autor eine Fülle dichter Zusammenfassungen von Lehre und Praxis der Religionen, die auf Bibel oder Koran fussen. Dabei wird klar, wie vielfältig und unterschiedlich Christentum und Islam schon je in sich selber sind. Ausserdem scheut sich der Autor keineswegs, auch Schwierigkeiten zu benennen, Negatives nüchtern aufzulisten. Es geht ihm jedoch nicht um gegenseitiges Aufrechnen, sondern schlicht darum, dass wir bei Religionen oft auch mit negativen Seiten zu rechnen haben. Gerade bei besonders strittigen Themen wird spürbar, dass das titelgebende Koranzitat durch den Autor nach Kräften selber eingelöst wird: Auf beste Art streitet er gegen Halbwahrheiten, Klischees, Pauschalisierungen, hüben und drüben, und skizziert oft auch Wege, entlang derer weiter diskutiert werden könnte, oder zitiert eine Fülle von Detailinformationen, die wohl manche praktizierende Christen und Christinnen oder Muslime und Musliminnen in dieser Komplexität und Differenziertheit bislang gar nicht wahrgenommen haben. Zu Recht macht Werner Schatz immer wieder darauf aufmerksam, wie diffizile Nuancen der Theologie von Gläubigen selten verstanden werden – und dass so auch ein innerchristlicher Dialog nötig wäre, etwa wie Chalzedon heute zu verstehen und interpretieren wäre. Lesens- und bemerkenswert vor allem die Gross-Kapitel über strittige Themen oder missverständliche Bibel- und Koranstellen, auf knappem Raum ein Kompendium exegetischer Fragestellungen. Und auch für Theologinnen und Theologen spannend die Themenfelder Christologie und Trinitätslehre. Da gibt es viel aufzufrischen oder nachzulernen. Geschrieben, aber erklärend und verständlich, dass auch Nicht-Fachleute dem Gedankengang und der Fragestellung folgen können. Mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses kann das Buch durchaus auch als Nachschlagwerk konsultiert werden; bei fortlaufender Lektüre ergeben sich deshalb zwar kleine Verdoppelungen, Wiederholungen, die aber kaum stören. Hilfreich und wünschenswert wäre allerdings ein Stichwort-Register gewesen, das den lexikalischen Nutzen erweitern würde.

Thomas Markus Meier

Leitfaden für den interreligiösen Dialog

Zur Überwindung von Peinlichkeiten, Missverständnissen, Stolpersteinen und Fettnäpfchen im Gespräch über die Verschiedenheit im Religiösen gibt es den Leitfaden für den interreligiösen Dialog. Die Gruppe der Frauen des interreligiösen Think Tanks haben aufgrund von eigenen Erfahrungen und ihren profunden Kenntnissen unterschiedlicher Religionen eine hervorragende Hilfestellung erarbeitet. Entstanden ist ein wertvoller, bodenständiger Beitrag zum gegenseitigen interreligiösen Verständnis. 

Der Interreligiöse Think-Tank (mehr Informationen unter: www.interrelthinktank.ch) ist ein institutionell unabhängiger Zusammenschluss von Exponentinnen des interreligiösen Dialogs in der Schweiz, die gemeinsam ihre Dialogpraxis reflektieren, gesellschaftliche und religionspolitische Fragen diskutieren und ihre Erkenntnisse und ihr interreligiöses Know-how der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Der ausschliesslich weibliche Think-Tank

Ja! Sie haben es richtig gelesen: Exponentinnen. Das bedeutet, es handelt sich um eine ausschliesslich weibliche Gruppe, was schon unsere Aufmerksamkeit reizen kann. Es ist noch interessanter, festzustellen, dass eine solche Gruppe sich mit religiösen Themen beschäftigt, einem Bereich, der noch heute entscheidend von Männern beeinflusst wird. Keine einfache Aufgabe: Zwischen der blossen Anprangerung der Ungleichheit der Frauen und der Rechtfertigung dieser Ungleichheit aus mehrere Kulturen gleichmachenden Gründen findet der Think-Tank einen Gratpfad, der nicht immer einfach ist. Motto: Religion ist nicht mit Fundamentalismus, Frauendiskriminierung und Unaufgeklärtheit gleichzusetzen! In seinem Werk „Leitfaden für den interreligiösen Dialog“ bietet der Think-Tank einen Beitrag zum interreligiösen Dialog mit Beispielen und einer Checkliste für die Planung interreligiöser Anlässe an. Diese Beispiele sind erlebte misslungene Situationen, die man nicht wiederholen soll. Aus Fehlern kann man am besten lernen, nicht? Der Think-Tank setzt eine ganz konkrete Wirklichkeit voraus: „Religionen sprechen nicht. Es sind Menschen, die sich im interreligiösen Dialog begegnen, nicht religiöse Systeme. Diese Menschen leben in bestimmten sozio-politischen Kontexten, sind von verschiedenen Faktoren wie Kultur, Religion, ökonomische Verhältnisse, Schicht- und Geschlechtszugehörigkeit, Mehrheits- oder Minderheitenposition geprägt und haben ihre eigene Biografie. Religion ist also nicht das einzige Identität stiftende Merkmal einer Person.“ Ohne sich die Frage zu stellen, ob es vielleicht eben ein weibliches Merkmal ist, die Person als „Ganze“ zu betrachten, tut der Think-Tank so. Das ist ein Zeichen eines umfassenden Denkens, was auch in einer Gesellschaft, die versucht, das Leben zu unterteilen, gut tut. 

Gleichberechtigte Dialoge

Die Frage der asymmetrischen Beziehung taucht auch auf: Es gibt ein Machtgefälle zwischen ChristInnen als Teil der Mehrheitsgesellschaft und andersgläubigen DialogpartnerInnen. Diese strukturelle Asymetrie ist auch im interreligiösen Bereich zu beachten. Aber wie konkret? Indem alle sich bemühen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die möglichst gleichberechtigte Dialoge ermöglichen (zum Beispiel ein ausgeglichenes Zahlenverhältnis unter den Teilnehmenden). Diese Tatsache hat auch einen Einfluss über die andersgläubigen PartnerInnen in der Darstellung ihrer religiösen Tradition. Als Minderheiten, die immer mit Vorurteilen und Misstrauen ihrer Religion gegenüber konfrontiert sind, probieren die andersgläubigen PartnerInnen ihre Religion möglichst positiv darzustellen. 

Interreligiöser Dialog zu Alltagsfragen

Die Machtfrage hat auch einen wichtigen Platz in den Äusserungen des Think-Tanks. Er nimmt die Tatsache wahr, dass in vielen abrahamitischen Religionsgemeinschaften vor allem Männer die Leitungsfunktion innehaben. Das bedeutet: Wenn Frauen verschiedener Religionen in Dialog kommen, reden sie nicht als RepräsentantInnen ihrer Religion aber als „einfache“ Mitglieder. Sie organisieren interreligiösen Dialog zu praktischen Fragen des Alltags: Essensbräuche, religiöse Erziehung der Kinder, um Bräuche und Rituale um die Geburt, Kindheit und Pubertät, persönliche Bedeutung des Fastens, das Zusammenleben im Quartier, usw. Themen, die zur sogenannten Fürsoglichkeitsethik gehören. Wir sind hier sehr fern von Machtfunktion innerhalb der Religionsgemeinschaft. Daraus erklärt der Think-Tank die grosse Freiheit, die die Frauen haben, ihre eigene Meinung zu äussern. Die Kehrseite davon ist, dass Frauen nicht verbindlich für ihre Gemeinschaften sprechen können und nicht in der Lage sind, die Resultate ihrer Erkenntnisse in ihre Religionsgemeinschaften zurückfliessen zu lassen und umzusetzen. 

Pfingstfeier oder Feier an Pfingsten?

Dieser Leitfaden ist eine sehr gute und praktische Einführung für den, der die bewährte Praxis des interreligiösen Dialogs kennen lernen will. Er gibt auch brauchbare Hinweise über die Hindernisse dieser sehr schwierigen und feinfühligen Kunst. Ich kann mich nicht wehren, als Schlusswort ein Beispiel zu zitieren: „Seit vielen Jahren gibt es in Winterthur den Anlass „Afropfingsten“, mit einer interreligiösen Schlussfeier. Im Internet wurde diese Feier als „Interreligiöse Pfingstfeier“ angekündigt. Die Verantwortlichen wunderten sich darüber, wie schwierig es war, VertreterInnen der anderen Religionen als Mitwirkende zu gewinnen. Schlussendlich wurde dann aufgrund einer Intervention der Anlass als eine „Interreligiöse Feier an Pfingsten“ ausgeschrieben. Das Beispiel zeigt: Angehörige der Mehrheitsgesellschaft verwenden oft unbesehen christliche Konzepte und Begriffe und gehen davon aus, dass diese für alle gelten. Dies ist einerseits verständlich, denn die Mehrheitsgesellschaft und deren christliche Wurzeln haben immer noch eine prägende Wirkung und die Bezeichnungen für die christlichen Feiertage werden auch losgelöst von ihrem religiösen Gehalt im säkularen Bereich verwendet. Andererseits gilt es gerade im interreligiösen Dialog zu lernen, die Definitionsmacht über die Anderen abzulegen und die Selbstinterpretation ihrer religiösen Tradition zu achten.“ Nassouh Toutoungi, Vorstand GCM, christkatholischer Pfarrer in Biel/Bienne

Sadakat Kadri – Himmel auf Erden

Eine Reise auf den Spuren der Scharia durch die Wüsten des alten Arabien zu den Strassen der muslimischen Moderne

Berlin 2014

Ein etwas gewagter Vergleich: Wer die die Geschichten und Anekdoten der alten Rabbinen des Talmud kennt, wird sie in den genialischen Nacherzählungen des Elie Wiesel dennoch wie neu und erstmalig lesen. Ähnlich ist es mir etwa mit der ersten Hälfte von Kadris Nacherzählung der islamischen Geschichte ergangen. Denn die im Untertitel genannte Reise wird erst im zweiten Teil zu einer geographischen Reise – von Beginn aber ist es immer auch eine Reise durch Geschichte und Entwicklung. Und der Zielpunkt der Entwicklung ist die zunehmend verstörende Gegenwart. Wie bei Elie Wiesel sprechen die Pointen der Anekdoten und Erzählungen nicht nur für sich selbst, sondern bekommen durch den Autor einen kommentierenden Echoraum. Das erste Kapitel schliesst mit dem Tod des Propheten. Wie würde es weitergehen? Kadri formuliert sozusagen als Doppelpunkt für folgenden Ausführungen: „Gott würde zweifellos die Gläubigen leiten, aber diese Annahme sollte für immer im Bereich des Glaubens bleiben. Der Rest ist Geschichte.“ (S. 40). Ich musste diesen Satz mehrfach lesen und nachklingen lassen.

So süffisant erzählt, so brisant auf den Punkt gebracht. Wie wurde, wie wird die Scharia gedeutet, praktiziert, weiter entwickelt? Der muslimische Autor und Menschenrechtsanwalt Sadri, dissertiert hat er über die europäische Rechtsgeschichte, stellt von seiner Herkunft her überraschend fest, dass der Begriff Scharia, in seiner Welt durch und durch positiv besetzt, im Westen zum Schreckgespenst geworden ist. So macht er sich auf die Suche nach der Geschichte der Scharia, und berichtet im Stil einer grossangelegten Reportage über Begegnungen mit zeitgenössischen Religionsstudenten und -gelehrten. Und was er zu Tage fördert, ist oft verstörend. Scheinbar Bekanntes wird neu durchdacht. Die berühmte Doktrin, dass das Tor zum Ijtihad geschlossen sei, also die Rechtsentwicklung abgeschlossen, wurde von einem Gelehrten formuliert, der diese Aussage eben für falsch hielt – aber sie entwickelte ein Eigenleben. Nichtsdestotrotz ging die Rechtsentwicklung immer weiter. Bis heute. Das Bemerkenswerteste, eine traurige Paradoxie, die sich wie ein blutroter Faden durchs Buch zieht, ist die Feststellung, „dass es den Hardlinern in weniger als vierzig Jahren gelungen ist, … dass sie die Scharia in den Köpfen vieler Menschen zu einem der drakonischsten Rechtssysteme der Erde gemacht haben.“ (S. 256) Über Jahrhunderte entwickelte sich die islamische Rechtswissenschaft, eine gewaltige Errungenschaft, sie „setzte sich auf drei Kontinenten durch und stellte das Christentum fast tausend Jahre lang in den Schatten. Indem sie sich an lokale Lebensumstände und Bräuche anpasste, verband sie höchst unterschiedliche Zivilisationen miteinander. Doch ein vier Jahrzehnte währender rigoroser Umbau des Rechtswesens hat Theorien gestärkt, die keinen Raum für neue Ideen und Dissens lassen.“ (S. 290) – so dass Staaten, die ihre Interpretation des islamischen Rechts institutionalisiert hätten, heute dem Rest der Welt hinterherhinkten; „den ersten Platz haben sie nur bei der Zahl der Todesopfer.“ (ebenda) Das provoziert dann auf der Gegenseite selbsternannte Anti-

Dschihadisten, die online gegen ihre eigene Vorstellung der Scharia kämpfen (vgl. S. 291).

Der Buchtitel erklärt sich erst zum Schluss – und er wird heutzutage leider überhört. Sei es im lauten medialen Gewitter einer hochgebauschten Islamdebatte, oder im Kanonendonner junger verirrter Gotteskrieger. Die Menschen wollten nach Rechtschaffenheit streben, aber sollten „die Schrecken des Jenseits nicht schon vorwegnehmen. Himmel und Hölle liegen ausserhalb der Rechtsprechung, und was immer sie bereithalten mögen, Sterbliche können nur versagen, wenn sie Gott im Hier und Jetzt spielen.“ (S. 312) Das einzige, was mir nicht ganz behagte, waren zwei drei giftige Bemerkungen zum Katholizismus. Auch wenn sie nicht aus der Luft gegriffen waren. So muss es, so habe ich gelernt, so muss es vielen Muslimen gehen, wenn sie über ihre Religion aus der Sicht Andersgläubiger lesen…

Hilfreich wäre einzig ein kleiner Vermerk im Vorwort gewesen, dass Hinweise, Belege, Anmerkungen im letzten Buchteil folgen. Wie auch immer, sogar die Danksagliste endet überraschend unkonventionell… Mit Augustinus kann ich nur sagen: Nimm und lies!

Thomas Markus Meier