Leitfaden für den interreligiösen Dialog

Zur Überwindung von Peinlichkeiten, Missverständnissen, Stolpersteinen und Fettnäpfchen im Gespräch über die Verschiedenheit im Religiösen gibt es den Leitfaden für den interreligiösen Dialog. Die Gruppe der Frauen des interreligiösen Think Tanks haben aufgrund von eigenen Erfahrungen und ihren profunden Kenntnissen unterschiedlicher Religionen eine hervorragende Hilfestellung erarbeitet. Entstanden ist ein wertvoller, bodenständiger Beitrag zum gegenseitigen interreligiösen Verständnis. 

Der Interreligiöse Think-Tank (mehr Informationen unter: www.interrelthinktank.ch) ist ein institutionell unabhängiger Zusammenschluss von Exponentinnen des interreligiösen Dialogs in der Schweiz, die gemeinsam ihre Dialogpraxis reflektieren, gesellschaftliche und religionspolitische Fragen diskutieren und ihre Erkenntnisse und ihr interreligiöses Know-how der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Der ausschliesslich weibliche Think-Tank

Ja! Sie haben es richtig gelesen: Exponentinnen. Das bedeutet, es handelt sich um eine ausschliesslich weibliche Gruppe, was schon unsere Aufmerksamkeit reizen kann. Es ist noch interessanter, festzustellen, dass eine solche Gruppe sich mit religiösen Themen beschäftigt, einem Bereich, der noch heute entscheidend von Männern beeinflusst wird. Keine einfache Aufgabe: Zwischen der blossen Anprangerung der Ungleichheit der Frauen und der Rechtfertigung dieser Ungleichheit aus mehrere Kulturen gleichmachenden Gründen findet der Think-Tank einen Gratpfad, der nicht immer einfach ist. Motto: Religion ist nicht mit Fundamentalismus, Frauendiskriminierung und Unaufgeklärtheit gleichzusetzen! In seinem Werk „Leitfaden für den interreligiösen Dialog“ bietet der Think-Tank einen Beitrag zum interreligiösen Dialog mit Beispielen und einer Checkliste für die Planung interreligiöser Anlässe an. Diese Beispiele sind erlebte misslungene Situationen, die man nicht wiederholen soll. Aus Fehlern kann man am besten lernen, nicht? Der Think-Tank setzt eine ganz konkrete Wirklichkeit voraus: „Religionen sprechen nicht. Es sind Menschen, die sich im interreligiösen Dialog begegnen, nicht religiöse Systeme. Diese Menschen leben in bestimmten sozio-politischen Kontexten, sind von verschiedenen Faktoren wie Kultur, Religion, ökonomische Verhältnisse, Schicht- und Geschlechtszugehörigkeit, Mehrheits- oder Minderheitenposition geprägt und haben ihre eigene Biografie. Religion ist also nicht das einzige Identität stiftende Merkmal einer Person.“ Ohne sich die Frage zu stellen, ob es vielleicht eben ein weibliches Merkmal ist, die Person als „Ganze“ zu betrachten, tut der Think-Tank so. Das ist ein Zeichen eines umfassenden Denkens, was auch in einer Gesellschaft, die versucht, das Leben zu unterteilen, gut tut. 

Gleichberechtigte Dialoge

Die Frage der asymmetrischen Beziehung taucht auch auf: Es gibt ein Machtgefälle zwischen ChristInnen als Teil der Mehrheitsgesellschaft und andersgläubigen DialogpartnerInnen. Diese strukturelle Asymetrie ist auch im interreligiösen Bereich zu beachten. Aber wie konkret? Indem alle sich bemühen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die möglichst gleichberechtigte Dialoge ermöglichen (zum Beispiel ein ausgeglichenes Zahlenverhältnis unter den Teilnehmenden). Diese Tatsache hat auch einen Einfluss über die andersgläubigen PartnerInnen in der Darstellung ihrer religiösen Tradition. Als Minderheiten, die immer mit Vorurteilen und Misstrauen ihrer Religion gegenüber konfrontiert sind, probieren die andersgläubigen PartnerInnen ihre Religion möglichst positiv darzustellen. 

Interreligiöser Dialog zu Alltagsfragen

Die Machtfrage hat auch einen wichtigen Platz in den Äusserungen des Think-Tanks. Er nimmt die Tatsache wahr, dass in vielen abrahamitischen Religionsgemeinschaften vor allem Männer die Leitungsfunktion innehaben. Das bedeutet: Wenn Frauen verschiedener Religionen in Dialog kommen, reden sie nicht als RepräsentantInnen ihrer Religion aber als „einfache“ Mitglieder. Sie organisieren interreligiösen Dialog zu praktischen Fragen des Alltags: Essensbräuche, religiöse Erziehung der Kinder, um Bräuche und Rituale um die Geburt, Kindheit und Pubertät, persönliche Bedeutung des Fastens, das Zusammenleben im Quartier, usw. Themen, die zur sogenannten Fürsoglichkeitsethik gehören. Wir sind hier sehr fern von Machtfunktion innerhalb der Religionsgemeinschaft. Daraus erklärt der Think-Tank die grosse Freiheit, die die Frauen haben, ihre eigene Meinung zu äussern. Die Kehrseite davon ist, dass Frauen nicht verbindlich für ihre Gemeinschaften sprechen können und nicht in der Lage sind, die Resultate ihrer Erkenntnisse in ihre Religionsgemeinschaften zurückfliessen zu lassen und umzusetzen. 

Pfingstfeier oder Feier an Pfingsten?

Dieser Leitfaden ist eine sehr gute und praktische Einführung für den, der die bewährte Praxis des interreligiösen Dialogs kennen lernen will. Er gibt auch brauchbare Hinweise über die Hindernisse dieser sehr schwierigen und feinfühligen Kunst. Ich kann mich nicht wehren, als Schlusswort ein Beispiel zu zitieren: „Seit vielen Jahren gibt es in Winterthur den Anlass „Afropfingsten“, mit einer interreligiösen Schlussfeier. Im Internet wurde diese Feier als „Interreligiöse Pfingstfeier“ angekündigt. Die Verantwortlichen wunderten sich darüber, wie schwierig es war, VertreterInnen der anderen Religionen als Mitwirkende zu gewinnen. Schlussendlich wurde dann aufgrund einer Intervention der Anlass als eine „Interreligiöse Feier an Pfingsten“ ausgeschrieben. Das Beispiel zeigt: Angehörige der Mehrheitsgesellschaft verwenden oft unbesehen christliche Konzepte und Begriffe und gehen davon aus, dass diese für alle gelten. Dies ist einerseits verständlich, denn die Mehrheitsgesellschaft und deren christliche Wurzeln haben immer noch eine prägende Wirkung und die Bezeichnungen für die christlichen Feiertage werden auch losgelöst von ihrem religiösen Gehalt im säkularen Bereich verwendet. Andererseits gilt es gerade im interreligiösen Dialog zu lernen, die Definitionsmacht über die Anderen abzulegen und die Selbstinterpretation ihrer religiösen Tradition zu achten.“ Nassouh Toutoungi, Vorstand GCM, christkatholischer Pfarrer in Biel/Bienne